WENN DAS START-UP-MINDSET ZUR NEUEN NORMALITÄT WIRD
JERRY KRATTIGER | 23.09.2026

Jerry Krattiger, Direktor der Wirtschaftsförderung Kanton Freiburg.

Seit einigen Jahren hat Freiburg in den Bereichen Innovation und Unternehmertum grosse Fortschritte erzielt. Heute sind im Kanton die notwendigen Kompetenzen, Infrastrukturen und Netzwerke vorhanden, um ein unternehmerisches Projekt von der Idee bis zur Markteinführung zu begleiten. Jerry Krattiger, Direktor der Wirtschaftsförderung Kanton Freiburg (WIF), blickt auf diese Entwicklung zurück und zeigt auf, wie dieser Aufschwung der gesamten Wirtschaft der Region zugutekommt.

Freiburg ist ein fruchtbarer Boden für Start-ups: Worauf ist diese jüngste Entwicklung zurückzuführen?

Auf viele verschiedene Dinge! In erster Linie geniesst der Kanton eine viel grössere Sichtbarkeit. Im Jahr 2025 gehörten Bloom Biorenewables und Seprify zu den zehn vielversprechendsten Start-ups der Schweiz. Diese Art der Anerkennung stärkt natürlich die Glaubwürdigkeit unseres Ökosystems. Gleichzeitig verantworten die Freiburger Hochschulen eine wachsende Zahl von unternehmerischen Projekten, die auf ihrer Forschung basieren. Diese Dynamik ist von entscheidender Bedeutung, denn sie ermöglicht es, wissenschaftliches Fachwissen nach und nach in konkrete Innovationen umzuwandeln, die Umsatz generieren. Dann ist unser Ökosystem auch gereift. Heute verfügt Freiburg über das Fachwissen, die Infrastrukturen und die Netzwerke, die es braucht, um ein unternehmerisches Projekt von Anfang bis zum Ende zu begleiten. Wir haben einen wichtigen Meilenstein erreicht, aber es ist noch viel ungenutztes Potenzial vorhanden: Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Start-ups aus der Welt der Hochschulen entstehen!

Welches sind heute die Eckpfeiler des Freiburger Modells?

Wir gehen unseren eigenen Weg, indem wir die Stärken von Freiburg nutzen. Wir konzentrieren unsere Anstrengungen auf Bereiche, in denen im Kanton fundiertes Fachwissen vorhanden ist, wie die Biowirtschaft, die Industrie 4.0 oder die Life Sciences. Unsere Stärke liegt in der Synergie zwischen den Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstituten. Kompetenzzentren wie das Biofactory Competence Center (BCC), das Institut ChemTech oder das Adolphe Merkle Institut (AMI) stellen Unternehmen modernste Einrichtungen sowie hochspezialisiertes Fachwissen und Know-how zur Verfügung. Der Zugang zu solchen Ressourcen kann die Entwicklung eines jungen Technologieunternehmens erheblich beschleunigen. Hinzu kommen Förderstrukturen wie Fri Up oder Seed Capital sowie dynamische Innovationsstandorte wie AgriCo, bluefactory, Marly Innovation Center oder Le Vivier. Zusammen bilden sie ein lückenloses Angebot von Kompetenzen, das sich durch seine Nähe und Erreichbarkeit auszeichnet.

Das «Start-up-Mindset» wird oft mit jungen Tech-Firmen in Verbindung gebracht: Ist das falsch?

Auf jeden Fall. Ein Start-up ist eine Unternehmensform, während sich das Start-up-Mindset in erster Linie auf eine Denk- und Innovationsweise bezieht. Dabei geht es darum, schnell zu handeln, etablierte Modelle in Frage zu stellen, Risiken einzugehen und eine Idee in konkreten Mehrwert umzuwandeln. Heute gilt diese Denkweise für alle Unternehmen. Sowohl KMU als auch Grosskonzerne streben danach, agiler zu werden, mit Start-ups zusammenzuarbeiten und neue Märkte zu erschliessen. Nespresso ist ein hervorragendes Beispiel dafür: Diese disruptive Innovation, die sowohl das Produkt, das Geschäftsmodell als auch den Vertrieb revolutioniert hat, wäre ohne einen echten unternehmerischen Ansatz des multinationalen Konzerns niemals entstanden. Ein Start-up-Mindset ist daher nicht ausschliesslich jungen Unternehmen vorbehalten. Heute fasst es allmählich in der gesamten Wirtschaftslandschaft Fuss.

Hat sich auch die Motivation der Unternehmerinnen und Unternehmer verändert?

Ganz klar! Lange Zeit bedeutete Unternehmertum in erster Linie, ein profitables Unternehmen aufzubauen und Wachstum zu erzeugen. Diese Ziele bleiben nach wie vor wichtig, aber eine neue Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern will auch die grossen Herausforderungen unserer Gesellschaft angehen. Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Gesundheit oder auch eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen sind zu starken Innovationstreibern geworden. Heute gründen viele ein Unternehmen, weil sie konkret Einfluss auf die Welt um sie herum nehmen und Lösungen für Probleme finden wollen, die sie beschäftigen. Diese Suche nach Sinn ist ein starker Motivator: Sie zieht Talente an, regt die Kreativität an und zeigt, das wirtschaftliche Leistung und gesellschaftliche Auswirkungen sich gegenseitig nicht ausschliessen.

Die Forschung zeigt sich in Freiburg von einer besonders dynamischen Seite. Wie lässt sich dieses Potenzial noch besser in konkrete Geschäftsmodelle umsetzen?

Dies ist eine der grossen Herausforderungen der kommenden Jahre. Wir verfügen über hervorragende Hochschulen, anerkannte Kompetenzzentren und eine solide industrielle Basis. Die Challenge besteht nun darin, den Transfer dieses Wissens in den Markt zu beschleunigen. In den englischsprachigen Ländern ist diese Kultur viel tiefer verwurzelt. Die Forschenden stellen sich sehr früh die Frage, wie ihre Arbeit zu einer konkreten Anwendung oder einem Geschäftsmodell führen kann. Wir machen Fortschritte in diese Richtung, müssen aber noch weiter und schneller vorankommen!

Wie stellen Sie sich das Freiburger Ökosystem in einigen Jahren vor?

Ich hoffe, dass wir Start-ups dann nicht mehr als eine Welt für sich betrachten, sondern als natürlichen Bestandteil unserer Wirtschaft. Sie werden weiterhin neue Technologien hervorbringen, die KMU inspirieren und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie stärken. Es liegt in unserer Verantwortung, dieses Ökosystem kontinuierlich auszubauen, damit jede vielsprechende Innovation in Freiburg die Sichtbarkeit, das Fachwissen, die Partner, die Infrastrukturen und die Finanzierung findet, die für ihre Entwicklung erforderlich ist. Im Grunde ist unser Ziel einfach: Wir wollen die Umwandlung von Wissen in wirtschaftlichen Wert beschleunigen und den Ruf von Freiburg als the place to grow festigen.