Für eine Unternehmensgründung braucht es mehr als die Entwicklung einer Technologie. Es ist auch nötig, die passenden Partner zu finden, bei Investoren Überzeugungsarbeit zu leisten und eine Innovation in ein Geschäftsmodell umzusetzen. Yann Steulet, Direktor von Fri Up, und Brigitte Baumann, Serial Entrepreneur, Business Angel und Seed-Fonds-Managerin, erklären, weshalb das Freiburger Ökosystem seine Stärke seiner überschaubaren Grösse, den engen Verbindungen zwischen Forschung und Industrie sowie einer echten Kultur der Zusammenarbeit verdankt.
Der Kanton Freiburg zieht immer mehr Start-ups von ausserhalb an. Wie beurteilen Sie diese Projekte?
Yann Steulet: Unsere erste Frage ist nicht nur, ob die Technologie genial ist. Wir prüfen auch, ob sie wirklich zu Freiburg passt. Kann sie auf ChemTech, das Adolphe Merkle Institute, das Smart Living Lab oder andere im Kanton vorhandene Kompetenzen zurückgreifen? Gemeinsam mit Brigitte hat Fri Up einen Screening-Prozess entwickelt, der sowohl die Eignung für das Ökosystem als auch das kommerzielle Potenzial bewertet. Das Ziel ist es, sehr rasch herauszufinden, ob in Freiburg die Entwicklung des Projekts tatsächlich beschleunigt werden kann.
Brigitte Baumann: Das Spezielle daran ist, dass bereits diese erste Bewertung einen Mehrwert für den Unternehmer schafft. An vielen Orten muss man erst ein langes Bewerbungsformular ausfüllen, bevor entschieden wird, ob man zu einem Treffen eingeladen wird. Hier ist es fast umgekehrt. Der Unternehmer schickt uns einige Informationen, manchmal einfach nur seine Website. Wir bereiten das Treffen vor – heute auch mit Hilfe von KI –, um bereits in der ersten Stunde über die wirklichen Herausforderungen sprechen zu können. Der Unternehmer geht bereits mit konkreten Anregungen nach Hause.
Vor fünfzehn Jahren verband man Freiburg nicht unbedingt mit Technologie-Start-ups. Was hat sich verändert?
YS: Das Ökosystem hat sich enorm weiterentwickelt. Als ich vor vier Jahren zu Fri Up stiess, war der Auftrag klar: Freiburg auf ein neues Level zu führen, indem wir die Entwicklung von Start-ups mit hoher Wertschöpfung fördern. Gleichzeitig haben Unternehmen wie Bloom Biorenewables und Seprify gezeigt, dass es durchaus möglich ist, auf die wissenschaftlichen Kompetenzen und Infrastrukturen des Kantons zurückzugreifen. Wenn wir heute ein Start-up an ein Freiburger Institut verweisen, wissen wir, dass es dort Ansprechpartner findet, die rasch auf seine Bedürfnisse eingehen können.
BB: Mir gefällt, dass Freiburg nie versucht hat, andere Ökosysteme zu kopieren. Der Kanton hat beobachtet, was anderswo funktioniert, um das Beste davon zu übernehmen und mit dem zu ergänzen, was Freiburg einzigartig macht. The best of the best… aber nach Freiburger Art. Zum Beispiel bleiben die Strukturen überschaubar: Die Akteure kennen sich, Entscheide können rasch getroffen und neue Arbeitsmethoden ohne grossen Aufwand eingeführt werden. Small is beautiful. Diesen Geist gilt es zu bewahren.
YS: Die andere wichtige Entwicklung ist die stärkere Zusammenarbeit von Forschung und Industrialisierung. Viele Start-ups müssen nachweisen, dass ihre Technologie in grösserem Massstab produziert werden kann. Dank Strukturen wie ChemTech können sie diesen Schritt meistern, ohne sofort eigene Anlagen bauen zu müssen. Diese Möglichkeit ist bei Unternehmern in der Schweiz wie auch international sehr gefragt und stellt einen grossen Vorteil für Freiburg dar.
Wie äussert sich diese Nähe konkret?
YS: Wenn ein Start-up eine Lösung im Energiebereich entwickelt, kann ich einfach den Strategieverantwortlichen eines unserer Industriepartner anrufen und sofort die richtigen Ansprechpartner ausfindig machen. Wenig später sitzen alle an einem Tisch. So gewinnen wir wertvolle Zeit. Für ein junges Unternehmen können bereits ein paar Wochen einen entscheidenden Unterschied machen.
BB: Hinzu kommt echte Lebensqualität. Ein Start-up rekrutiert nicht nur Ingenieure. Es muss Talente überzeugen, an einen bestimmten Ort zu ziehen. Freiburg erfüllt viele Kriterien: Es liegt zwischen Lausanne und Zürich, bietet ein attraktives Umfeld und eine solide industrielle Basis.
Was muss ein Unternehmen – abgesehen von der Idee – sonst noch mitbringen?
BB: Die Fähigkeit, die richtige Balance zu finden: Unternehmerinnen und Unternehmer müssen visionär sein, zugleich aber die Bodenhaftung nicht verlieren, beharrlich bleiben, ohne stur zu sein und zuhören können, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Und sie müssen akzeptieren, dass sich die eigene Rolle verändert: Ein fünfköpfiges Team, einschliesslich der Gründer, führt man nicht gleich wie ein Unternehmen mit fünfzig Mitarbeitenden.
YS: Ich würde eine wichtige Eigenschaft hinzufügen: Man muss sich mit den richtigen Leuten umgeben. Die solidesten Projekte vereinen wissenschaftliche, technologische und unternehmerische Kompetenzen. Ein Start-up ist selten ein Einmannbetrieb.
Für viele Start-ups bleibt der Zugang zu Finanzmitteln eine Herausforderung. Was erwarten Investoren von ihnen?
BB: Eine gute Technologie reicht nicht aus. Investoren suchen nach Unternehmen, die in der Lage sind, diese in ein tragfähiges Geschäftsmodell umzusetzen. Die Innovation muss erprobt, das Verfahren getestet und sein kommerzielles Potenzial unter Beweis gestellt werden. Die verschiedenen Kompetenzzentren in Freiburg unterstützen Start-ups bei der Bewältigung einiger dieser Schritte, indem sie die erforderlichen Investitionen vor einer ersten Kapitalbeschaffung begrenzen.
YS: Genau hier kommen wir ins Spiel. In der Zeit zwischen der Entwicklung der Idee und der ersten Finanzierungsrunde muss nachgewiesen werden, dass die Technologie funktioniert, es einen Markt dafür gibt und das Team in der Lage ist, das Projekt erfolgreich umzusetzen. Bei Fri Up bereiten wir die Unternehmen zusammen mit Brigitte auf die Erwartungen der Investoren vor. Dadurch sind sie bei der Suche nach Finanzmitteln deutlich besser aufgestellt.
BB: Die nächste Herausforderung besteht darin, Freiburg bei internationalen Investoren bekannter zu machen. Das Ökosystem ist heute sehr solide, muss aber an Sichtbarkeit gewinnen.
Welche mittelfristigen Ziele verfolgen Sie für das Freiburger Ökosystem?
BB: Ich würde mir wünschen, dass Freiburg zu einem führenden Standort für Biowirtschaft in Europa und sogar weltweit wird. Lange Zeit war man überzeugt, dass die Mehrkosten grüner Technologien die Vorteile überwiegen. Heute erfüllen sie echte wirtschaftliche Bedürfnisse und die Unternehmen sind bestrebt, lokale Ressourcen optimal zu nutzen, ihre Lieferketten zu sichern und bestimmte Produktionsprozesse wieder zu industrialisieren. Freiburg verfügt über alle Voraussetzungen, um bei diesem Wandel eine wichtige Rolle zu spielen.
YS: Dieser Wandel ist bereits im Gange. Immer mehr Start-ups entwickeln Lösungen, die auf lokal verfügbaren Ressourcen basieren, seien es Werkstoffe, Energie oder Biomasse. Die Bioökonomie wird zu einem echten Treiber für die Wettbewerbsfähigkeit.
BB: Mich stimmt optimistisch, dass Freiburg nicht versucht, Zürich oder Boston zu kopieren. Der Kanton entwickelt sein eigenes Modell und stützt sich dabei auf seine Kompetenzen, seine Industrie und seine Fähigkeit, rasch die richtigen Leute und Institutionen zusammenzubringen. Wenn ich über Freiburg spreche, ertappe ich mich übrigens dabei, «wir» zu sagen. Das ist vielleicht das grösste Kompliment, das ich machen kann!
Das Kreuzfahrtschiff und das Speedboat
Yann Steulet ist der Meinung, dass sich die Start-up-Mentalität nicht nur auf junge Unternehmen beschränkt. Vor seiner Tätigkeit bei Fri Up leitete er Innovationsprojekte bei Swisscom und Quickline. «Ein Grossunternehmen ist wie ein Kreuzfahrtschiff: Es bewegt sich kraftvoll vorwärts, braucht aber viel Zeit, um den Kurs zu ändern. Ein Start-up ist wie ein Speedboat: Es testet, passt sich an und wechselt ständig den Kurs. Wenn man versucht, ein innovatives Projekt innerhalb einer grossen Struktur zu entwickeln, wird es oft von internen Prozessen ausgebremst. Ein eigenständiges Team hat die Freiheit zu experimentieren. Funktioniert die Idee, kann sie das ganze Unternehmen inspirieren.»
Für Brigitte Baumann können Grosskonzerne auch agiler werden, indem sie sich für Innovationen öffnen, die ausserhalb ihres Konzerns entwickelt wurden. «Grossunternehmen versuchen nicht mehr, alles intern zu entwickeln. Sie arbeiten zunehmend mit Start-ups zusammen oder kaufen vielversprechende Technologien auf. Angesichts der Herausforderungen im Zusammenhang mit der Energiewende oder der Biowirtschaft wird diese offene Innovation unverzichtbar.»