Venturi Lab, die Schweizer Einheit von Venturi Space, entwickelt in Freiburg Technologien, die schon bald auf dem Mond eingesetzt werden sollen. Geleitet wird das Unternehmen von Antonio Delfino, der auf Agilität, Mut und Risikobereitschaft setzt… aber ganz sicher nicht auf das Etikett «Start-up». Ein Gespräch mit einem Ingenieur und Unternehmer, der die Realität in der Werkstatt den schönen Grafiken von Geschäftspräsentationen vorzieht.
«Ich mag das Wort Start-up nicht. Ich spreche lieber von einem Unternehmen», sagt Antonio Delfino wie aus der Pistole geschossen, noch bevor die Frage überhaupt gestellt wird. Damit greift er natürlich das Thema dieses Magazins frontal an. Der 61-jährige Direktor von Venturi Space und Mitbegründer von Venturi Lab kann auf 25 Jahre Erfahrung bei Michelin zurückblicken und steht den Mantras des Silicon Valley skeptisch gegenüber. Vor allem aber lehnt er das damit verbundene Modell ab: Finanzierungsrunden und sukzessive Kapitalerhöhungen, bei denen die Gefahr besteht, dass die Gründer nach und nach die Kontrolle über ihr Unternehmen verlieren. Für ihn zählen die Technologie und vor allem das, was die Werkstätten konkret produzieren.
In Corminboeuf vor den Toren Freiburgs stehen diese Werkstätten im Zentrum eines Abenteuers, das wie ein Traum anmutet. Hier wurde insbesondere ein extrem verformbares Rad für den Mond entwickelt, das im Vakuum funktioniert und den extremen Temperaturen auf dem Mond standhalten kann.
Das Jahr 2026 markiert eine einschneidende Veränderung. Im Februar beauftragte die Europäische Weltraumorganisation (ESA) Venturi Space mit einer Studie zu verschiedenen kritischen Technologien für zukünftige Mondrover. Drei Monate später wählte die NASA Venturi Astrolab, den strategischen amerikanischen Partner von Venturi Space, als einen von zwei Zulieferern aus, die ein bemanntes Mondfahrzeug für das Artemis-Programm entwickeln sollen. Der CLV-1 soll ab 2028 Astronauten auf dem Mond befördern. Seine Räder werden in Freiburg entwickelt und hergestellt.
Mission Mond
Zuvor wartet jedoch ein erster wichtiger Meilenstein auf die Teams: Der Rover FLIP (Flex Lunar Innovation Platform) von Astrolab und Venturi Space soll bis Anfang 2027 zum Südpol des Mondes aufbrechen – mit mehreren von Venturi Space gelieferten Technologien an Bord, darunter die extrem verformbaren Räder und die Batterien. Antonio Delfino gibt sich jedoch bescheiden. «Wir müssen sehr bescheiden bleiben, noch haben wir nichts auf dem Mond abgesetzt.» Für den Ingenieur schliesst sich der Kreis erst dann, wenn die Mission erfolgreich abgeschlossen ist.
Vorsicht und Wagemut schliessen sich bei Venturi Lab jedoch keineswegs aus, was das Unternehmen auch besonders interessant macht. Denn es war zwar nie ein Start-up, weist jedoch zahlreiche Eigenschaften auf, die gerne damit in Verbindung gebracht werden. «Im Kern geht es um das, was wir tun und was wir physisch in den Werkstätten produzieren, und nicht um PowerPoint-Präsentationen.» In der Konzeptphase durchläuft das Team zahlreiche Entwicklungszyklen: herstellen, testen, korrigieren und von vorne beginnen – und das so schnell wie möglich. «Es gibt keine endgültige Wahrheit», betont er.
Das Modell unterscheidet sich jedoch vom Modell des Silicon Valley. Die Raumfahrt erfordert Zeit und enorm viel Kapital. Venturi Space konnte von Anfang an auf die langfristige Unterstützung seines Präsidenten, des monegassischen Unternehmers Gildo Pastor, zählen und war nicht auf eine Abfolge von Finanzierungsrunden angewiesen. Doch Geld allein reicht nicht aus: Laut Delfino braucht es vor allem «einen festen Kern aus äusserst kompetenten Menschen, die sich für Ingenieurwesen und Wissenschaft begeistern».
Agilität auf einem neuen Level
Auch Agilität hat ihre Grenzen. Je weiter fortgeschritten ein Projekt ist, desto mehr muss sich auch das Unternehmen wandeln. Das Konzept macht der Entwicklung Platz, dann den Anforderungen der Branche. So hat Venturi Space Schweiz die Luft- und Raumfahrtzertifizierung AS9100 erhalten. «Man muss seine Technologie lieben und sie gleichzeitig objektiv bewerten können.»
Heute bringt ein Team von rund vierzig Personen dieses Fachwissen von Freiburg aus in die Venturi Space Gruppe ein. Die lokale Verwurzelung ist für Antonio Delfino sehr wichtig. Er lebt seit 1996 im Kanton und betont seine ideale Lage zwischen der EPFL und der ETH Zürich, den Zugang zu den Fachkräften der Romandie und der Deutschschweiz sowie die Lebensqualität. «Wenn es die Staatsangehörigkeit ‹Wahlfreiburger› gäbe, würde ich sie sofort annehmen!»
Aus Sicht von Antonio Delfino sind Initiativgeist, Risikobereitschaft, Leidenschaft, Hartnäckigkeit und ein kämpferischer Geist jedoch noch keine Garanten für den Erfolg. Dieser hängt auch vom richtigen Zeitpunkt ab. Wäre das Venturi-Abenteuer zehn Jahre früher gestartet, wäre es seiner Meinung nach wahrscheinlich gescheitert. Würde es heute beginnen, käme es vielleicht zu spät. Es ist auch wichtig, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Freiburg scheint genau einer dieser Orte zu sein.