START-UP-MENTALITÄT KENNT KEIN ALTER
VERANSTALTUNG | 22.10.2026

Mut, Agilität und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen: Auch die etablierte Wirtschaft kann viel von der Start-up-Mentalität lernen. Das ist die Botschaft der 26. Ausgabe des Magazins fribourg.swiss, die am 23. September im Marly Innovation Center vorgestellt wurde. Rund 50 Gäste aus Unternehmertum, Investment und Innovationsförderung gingen der Frage nach, was Start-ups und etablierte Unternehmen voneinander lernen können.

«Auch wenn man heute erfolgreich ist, muss man sich fragen, wie Erfolg morgen aussehen wird. Denn er kann ganz anders aussehen.» Mit dieser Vorwarnung eröffnete Innovationsexperte Marc Pauchard die Veranstaltung, die ganz im Zeichen des Startup Mindset stand – einer Denkweise, die weit über die Welt der Jungunternehmen hinausgeht.

«Ob KMU oder internationaler Grosskonzern: Alle können und sollten sich von der Start-up-Mentalität inspirieren lassen», bekräftigte Jerry Krattiger, Direktor der Wirtschaftsförderung Kanton Freiburg (WIF). Der Kanton ist dieses Jahr übrigens mit vier Jungunternehmen unter den 100 besten Start-ups der Schweiz vertreten.

Ein Ökosystem im Wandel

Das Marly Innovation Center (MIC) bot für die Veranstaltung einen besonders passenden Rahmen. Auf dem ehemaligen Industriegelände von Ilford sind heute mehr als 200 Unternehmen mit rund 1000 Arbeitsplätzen angesiedelt. Mathieu Piller, Leiter der Standortentwicklung, zeichnete diesen Wandel nach und sprach eine Herausforderung an, die viele Jungunternehmen beschäftigt: «Die grösste Gefahr für ein Start-up liegt nicht unbedingt in seiner Technologie, sondern in der Finanzierung seiner Entwicklung bis zur Marktreife.»

Um die Unternehmen auf ihrem Weg zu unterstützen, kann Freiburg auf ein Netzwerk zählen, das über die Jahre stetig gewachsen ist: Fri Up, die Wirtschaftsförderung, die Hochschulen sowie Finanzierungsinstrumente wie Seed Capital und Risikokapital Freiburg. Staatsrat Olivier Curty betonte zudem die Bedeutung der verschiedenen Innovationsstandorte, deren Angebote sich ergänzen und die Attraktivität des Kantons stärken. Seine Definition des Startup Mindset reduzierte er auf vier Begriffe: «Energie, Originalität, Disruption, Innovation.»

«Alle Akteure des Ökosystems sind entschlossen, gemeinsam voranzukommen und das Potenzial des Kantons besser auszuschöpfen», sagte Yann Steulet, Direktor von Fri Up. Brigitte Baumann, Business Angel mit umfassender Erfahrung in internationalen Start-up-Ökosystemen, ordnete diese Entwicklung in einen grösseren Zusammenhang ein: «Freiburg hat den Vorteil, beobachten zu können, was anderswo auf der Welt geschieht, das Beste daraus mitzunehmen und einen eigenen Ansatz zu entwickeln.»

Innovation auf dem Prüfstand

Sarah Cattin, Mitgründerin von Xemperia, kennt diese Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Das aus der Universität Freiburg hervorgegangene Start-up entwickelt eine Methode zur Früherkennung von Brustkrebs anhand einer Blutprobe. Doch bis aus dieser Entdeckung ein marktfähiges Produkt wird, braucht es viel Zeit und beträchtliche finanzielle Mittel. «Wir benötigen mehrere Millionen, um eine klinische Studie durchzuführen, die mehrere Jahre dauern wird. Solche Beträge und Zeiträume schrecken ab», erklärte sie. Das macht die Suche nach Investoren schwierig, zumal das Unternehmen noch keine Einnahmen erzielt.

Ciril Stebler schilderte einen anderen Werdegang: jenen von Velocorner, einer auf den Fahrradverkauf spezialisierten Plattform mit Sitz in Murten, die seit 2023 mehrheitlich dem TCS gehört. «Ein Start-up kann mit weniger Ressourcen viel mehr erreichen. Wenn diese Schnelligkeit mit der Bekanntheit einer grossen Organisation zusammenkommt, ist das eine echte Stärke», erklärte der Mitgründer.

Agilität allein garantiert jedoch noch keinen Erfolg. Marc Pauchard verdeutlichte dies anhand der Geschichte von Ilford, die er teilweise selbst miterlebt hatte. Das Unternehmen hatte den Aufstieg der Digitalfotografie vorausgesehen, nicht aber dessen Folgen: Entgegen den Erwartungen druckten die Konsumenten nicht mehr Fotos aus, sondern betrachteten sie lieber auf Bildschirmen. Eine Fehleinschätzung, die zeigt, dass Innovation allein nicht genügt. Entscheidend ist auch, zu verstehen, wie sich die Gewohnheiten der Menschen verändern.

Stärken, die sich ergänzen

«Die Gefahr wäre, uns auf unseren Erfolgen auszuruhen. Selbst wenn alles gut läuft, müssen wir uns weiterhin hinterfragen.» Für Noam Rey, Leiter der Marktregion Freiburg–Neuenburg der Bank CIC (Schweiz), neue Partnerin von fribourg.swiss, gilt dieser Anspruch auch für die Freiburger Wirtschaft, deren Vielfalt und Widerstandsfähigkeit er hervorhob.

Die von Pierre Jenny moderierten Gespräche zeigten zudem, wie wertvoll es ist, Jungunternehmen und etablierte Akteure zusammenzubringen. «Es geht nicht darum, auf ein einziges Modell zu setzen, sondern unterschiedliche Akteure zusammenzuführen, die sich ergänzen und gegenseitig stärken», fasste Jerry Krattiger zusammen.

Über die Zusammenarbeit hinaus lässt sich auch eine unternehmerische Kultur von einem Unternehmen auf das andere übertragen. Vielleicht liegt genau darin der Kern des Startup Mindset: sich die Lust am Unternehmertum zu bewahren, auch wenn man längst kein Start-up mehr ist.